Aktuelles / Notizen
Greifensee, Uster und die Kunst der Bechtler Stiftung

Schöne Wanderung zwei Stunden am Südufer des Greifensees von Uster See nach Maur und dann wieder mit dem Schiff zurück. Der Greifensee, das zweitgrösste Gewässer im Kanton und grösste Naturschutzgebiet, ist ein Wasser- und Zugvogelreservat von nationaler Bedeutung sowie ein wichtiges Naherholungsgebiet unweit von Zürich. Seine Ufer sind seit 1941 geschützt, und seit 1994 regelt eine moderne Schutzverordnung das Zusammenleben von Mensch und Natur. Vom Südufer blickt man über das Riediker Ried, ein Flachmoor von nationaler Bedeutung, und in die Bucht, die ganzjährig gesperrt ist. Bei schönem Wetter sieht man am Horizont die Hochhäuser von Dübendorf und Flugzeuge, die sich über dem Flughafen Zürich erheben – ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich die Via Natura langsam wieder städtischem Gebiet nähert.
In Maur kommen wir so an am Hafen, dass es gerade noch schön für ein Cola Zero, einen Salatteller und einen Kaffee reicht, bevor uns das Elektroschiff in wenigen Minuten quer über den Greifensee nach Uster/See bringt.

GREIFENSEE
Absolut sehenswert ist das kleine Städtchen Greifensee, das dem See den Namen gibt. Es ist bei unserem Besuch gerade Markt und es herrscht bei Sonnenschein und doch noch recht kühlen Temperaturen eine friedliche Stimmung am Markt, wo sich der Ort auf einen Kaffee am Morgen früh trifft. Nachher geht es via Schloss an den See und die schönen Gassen des alten Ortsteils.
Hier ein paar Besonderheiten:
Städtli-Schule
Vor fast 400 Jahren wurde in Greifensee die Schule gegründet. Der damalige Lehrplan sah vor: «Unterweisung, Leerung und christliche Auferzeuchung der lieben Jugend, auch Fortpflanzung des christlichen Kirchen-Lobgesanges». Bis in die 1960er Jahre besuchten alle Kinder eine einzige Klasse. Das änderte sich mit dem Wachstum der Bevölkerung: 1969 verstummte das Lachen der Kinder im Städtli-Schulhaus: Die Schule zog in das neu gebaute «Breiti»-Schulhaus um.
Konsum-Olgi (Das Konsum-Olgi, wie Olga Wolfensperger im Volksmund genannt wurde)
Um die Jahrhundertwende war Greifensee arm. Was man zum Leben brauchte, baute man nach Möglichkeit selber an. Was man darüber hinaus benötigte, besorgte man in der Milchhütte und im «Konsum». Abgepackte Ware kannte man nicht. Es gab einen grossen Korpus mit Schubladen. Die Spezereien, Mehl, Mais, Zucker und Griess wurden mit der Schaufel in die Waage und dann in einen Papiersack geleert. Viele Leute kauften «ufs Büechli» ein und bezahlten ihre Schulden Ende Monat.
Um Himmels Willen!
Glänzend sahen sie aus und hoch hinaus sollten sie: 1934 konnte die reformierte Kirchgemeinde von Greifensee dank eines Legats vier neue Glocken für das damals gut 600 Jahre alte Kirchlein anschaffen. Die 1930er Jahre waren eine schwierige Zeit: Weltwirtschaftskrise und die politische Lage in Europa sorgten auch hierzulande für eine angespannte Stimmung. Umso mehr freute sich das ganze Dorf auf den Glockenaufzug. Aber dann... Um Himmels Willen! Für eine der Glocken war das Fenster im Kirchturm oben zu klein und es musste durch einen relativ grossen Mauerbruch erweitert werden, damit die Glocke durchpasste.
Reiche + Arme
Syt er öpper oder nämed er Gäld? lautet ein Bonmot einer Berner Aristokratin. Auch die Reichen im Schloss Greifensee mussten für Geld nicht arbeiten. Wurde aus dem offenen Schlossfenster gehörnlet (gehupt), musste der Wasserträger mit grossen Tansen Wasser vom Brunnen ins Schloss hinaufschleppen. Wenn es im Schloss oben görgelet hät, dann wusste man, dass die Schlossfamilie nicht zu Hause war und die Dienstboten tanzten.
Und aufgefallen ist uns auch die bronzene Inschrift an der GOTTFRIED KELLER-GASSE in Greifensee:
Gottfried Keller geboren 1819, gestorben 1890 / Zürcher Dichter - Verfasser der Novelle «Der Landvogt von Greifensee / 1861-1876 Staatsschreiber des Kantons Zürich

USTER - DIE UNGEBROCHENE ANZIEHUNGSKRAFT DES WASSERS
Die Geschichte des Zellweger Parks in Uster ZH ist eng mit seiner Lage am Aabach verbunden. So wurde das Gefälle dieses Bachs bereits im 18. Jahrhundert von der Mühle Niederuster genutzt. Den eigentlichen Grundstein für die Entwicklung zum Industrieareal legte der Spinnereikönig Heinrich Kunz, der 1824 auf dem Gelände des heutigen Parks eine erste Grossspinnerei errichten liess. Ein künstlicher Weiher samt dazugehörendem Kanalsystem prägte das frühe Bild des Areals. Im Verlaufe der Jahre baute Kunz seinen Spinnereibetrieb immer weiter aus und vergrösserte auch die Wasseranlagen.
1892 versorgten drei künstliche Weiher und ein weit verzweigtes Kanalsystem den Betrieb mit Wasserkraft. 1912 wurde das zwischenzeitlich krisengeplagte Spinnereiunternehmen verkauft.
Auf der Suche nach grösseren Räumlichkeiten verlegte die prosperierende, damals bereits 50-jährige Zellweger Uster AG ihren Betrieb 1925 in die Räumlichkeiten der vormaligen Grossspinnerei von Heinrich Kunz. Die Zellweger Uster AG entwickelte sich in den anschliessenden Jahrzehnten zu einem weltweit führenden Hersteller von Textilmaschinen und industrieller Elektrotechnik. 1961 wurde der vom Schweizer Stararchitekten Roland Rohn entworfene Verwaltungsgebäude mit dem dazugehörigen Ausstellungspavillon im Herterweiher fertiggestellt.
Die Entwicklung des heutigen Zellweger Parks ist seit 1925 eng mit der Geschichte der Zellweger Uster AG verbunden. Dies änderte sich vorerst auch nicht, als der Konzern 1993 mit der Luwa AG zur Zellweger Luwa AG fusionierte. Der Wandel der Schweiz zur Dienstleistungsgesellschaft seit den 80er Jahren spiegelt sich auch in der Konzernentwicklung am Standort Uster wider. Zudem entwickelte sich Niederuster immer rascher zu einem beliebten Wohnquartier.
2003 wurde der in Uster domizilierte, auf Kontroll- und Messsysteme spezialisierte Geschäftsbereich «Zellweger Uster» im Rahmen eines Management Buyouts aus der Zellweger Luwa AG ausgegliedert und in Uster Technologies AG umfirmiert. Dieses Unternehmen ist heute Weltmarktführer für textile Qualitätskontrollsysteme und beschäftigt rund 550 Mitarbeitende, einen grossen Teil davon im Zellweger Park.
Im gleichen Jahr wurde die Zellweger Park AG gegründet, die das gesamte Industrieareal in Uster von der Zellweger Luwa AG übernahm. Die Vision für die Transformation des ehemaligen Industrieareals zu einem lebendigen Wohn- und Arbeitsquartier wurde 2005 entwickelt und seither Schritt für Schritt konsequent in die Tat umgesetzt.
MUSEUM DER BECHTLER STIFTUNG
THE 2000 SCULPTURE VON WALTER DE MARIA
The 2000 Sculpture (1992) von Walter de Maria ist eine der grössten Bodenskulpturen weltweit. Sie gehört zu einer Serie von Werken, in welchen der Künstler stets neue Elemente in spezifischen Anordnungen gruppierte.
The 2000 Sculpture besteht aus 2000 Gipsteilen von je 50 cm Länge und 18 cm Höhe. Die einzelnen Elemente sind trotz ihrer einheitlichen Grösse in ihrer Form unterschiedlich und weisen fünf, sieben oder neun Kanten auf. Sie sind auf einer Fläche von 500 Quadratmetern (10 x 50 m) in 20 Reihen à 100 Gipsteilen ausgelegt. Die Anordnung der Gipselemente folgt einem klaren Rhythmus, der sich nach der Anzahl der Kanten richtet: 5-7-9-7-5-5-7-9-7-5.
Trotz ihrer Grösse wird The 2000 Sculpture als Einheit wahrgenommen und schliesst den architektonischen Raum mit ein - die Kunsterfahrung wird so zur Raumerfahrung. Dass bei Walter de Marias monumentalem Werk der umgebende Raum genauso wichtig ist wie die Skulptur selbst, beschrieb der Kurator Harald Szeemann als eine «neue Qualität heutiger Skulptur, die nicht mehr Objekt sein soll, sondern den Umraum prägendes, erfüllendes Subjekt».
Die Rezeption der The 2000 Sculpture wird nebst dem Raum vor allem durch das Licht grundlegend beeinflusst. Walter de Maria legte daher zu Lebzeiten fest, dass die Skulptur nur bei Tageslicht gezeigt werden soll, um sicher zu stellen, dass die vielfältigen Weiss-Schattierungen und Schattenwürfe der Gipselemente, die sich je nach Sonnenstand und Wetter ändern, für Besucherinnen und Besucher jederzeit sichtbar sind. Das Werk entfaltet sich nur durch eine zeitlich angemessene Rezeption: die unterschiedlichen Ansichten der The 2000 Sculpture und deren Reihungen und Kreuzungen erschliessen sich den Betrachtenden erst im Abschreiten des Feldes.
Der Titel des Werks spielt einerseits auf die damals noch bevorstehende Jahrtausendwende an und benennt andererseits die Anzahl der in der Skulptur enthaltenen Module. Walter de Maria interessierte sich zeitlebens für extreme Erlebnisse und Wendepunkte der Menschheitsgeschichte und setzte sich entsprechend intensiv mit dem historischen Moment der Jahrtausendwende auseinander. Walter de Maria wollte diesen besonderen Zeitpunkt künstlerisch aufarbeiten, markieren und dafür ein monumentales, dem Anlass vollumfänglich entsprechendes Werk schaffen.
Thomas und Cristina Bechtler lernten Walter de Maria während der zehnjährigen Vorbereitungsphase für die erste Ausstellung der The 2000 Sculpture im Kunsthaus Zürich kennen; bald entwickelte sich eine enge Freundschaft. Als Präsident der Zürcher Kunstgesellschaft setzte sich Thomas Bechtler persönlich dafür ein, die The 2000 Sculpture für die Sammlung des Kunshauses Zürich anzukaufen und das Werk periodisch alle fünf bis zehn Jahre auszustellen. Als dies nicht gelang, entschieden sich Thomas und Ruedi Bechtler die The 2000 Sculpture für die Walter A. Bechtler-Stiftung anzukaufen.
Nach der ersten Ausstellung der The 2000 Sculpture im Kunsthaus Zürich im Jahr 1992 wurde die Skulptur in den Ausstellungszyklen von 1999/2000 und 2021/2022 noch weitere zweimal im grossen Wechselausstellungssaal des Kunsthauses Zürich gezeigt. Ebenfalls im Jahr 2000 wurde das Werk zudem im Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart in Berlin gezeigt. Für eine weitere Ausstellung im Los Angeles County Museum of Art (LACMA) reiste die Skulptur im Jahr 2012 quer über den Atlantik an die Amerikanische Westküste.
Da es weltweit nur sehr wenige säulenlose Museumsräume mit ausreichend Platz zur Beherbergung von The 2000 Sculpture gibt, setzten sich Thomas und Cristina Bechtler zum Ziel, in der Schweiz einen Ort zu schaffen, an dem die Skulptur permanent ausgestellt werden kann.
Nachdem ein erster Versuch, die Skulptur dauerhaft im Engadin auszustellen, scheiterte, brachte Walter de Maria das damals gerade entstehende Zellweger Areal in Uster als möglichen Standort ins Spiel. Als Vertreter der Walter A. Bechtler-Stiftung initiierten Ruedi und Thomas Bechtler damals das Projekt für einen entsprechenden Neubau auf dem ehemaligen Areal der Zellweger-Luwa. Ende 2021 wurden die Bauarbeiten der Bechtler Stiftung abgeschlossen und kurz darauf konnte die The 2000 Sculpture als Herzstück der neuen Ausstellungsräume installiert werden.

Besuch des Kunstwerks von PIPILOTTI RIST „I Couldn’t Agree With You More“ in Uster ZH in einem Velohaus auf dem Gelände der Bechtler Stiftung.
Pipilotti Rist (*1962) ist eine Schweizer Videokünstlerin, die sich in ihren sinnlichen und kühnen Videoinstallationen auf unterhaltsame, ironische und selbstbewusste Weise mit Konventionen und Tabus auseinandersetzt. Sie studierte Gebrauchs-, Illustrations- und Fotografik sowie audiovisuelle Gestaltung in Wien und Basel. Von 1988 bis 1994 war sie Mitglied der Musikperformancegruppe Les Reines Prochaines. Für Ihre Arbeit hat sie zahlreiche Preise und Stipendien erhalten, darunter das Eidgenössische Kunststipendium (1991 und 1993), den Manor Kunstpreis St. Gallen (1994), den Prix Joan Miro (2009), den Zürcher Festspielpreis (2013) und den Prix Meret Oppenheim (2014).
Ausgangslage vieler ihrer Videoinstallationen sind die grafischen Qualitäten und das filmische Potenzial des Fernsehers und des damit assoziierten wohnlichen Ambientes, welches Rist in den Ausstellungsraum übersetzt. Für Rist verleiht insbesondere das Farbrauschen dem Medium Video eine malerische Qualität. Spektakuläre Kamerafahrten und sich überschlagende Bilder, die zusammen mit Bildverfremdungen und assoziativen Montagen traumartige Sequenzen entstehen lassen, sind charakteristisch für ihre Videofilme.
In ihren Arbeiten beschäftigt sich die Künstlerin mit Themen wie Körperlichkeit, Intimität, Verwandlung und Sexualität.
In Zusammenarbeit mit der Architektin Gabrielle Hächler baute Pipilotti Rist 1996 im Hotel Castell in Zuoz 1996 die Rote Bar.
Rists Videoinstallation Homo Sapiens Sapiens, die anlässlich der 51. Biennale in Venedig 2005 in der Kirche San Staë gezeigt wurde, markierte ihre Stellung als eine der wichtigsten Figuren der internationalen Kunstwelt. Das Video wurde auf das Gewölbe über dem Kirchenschiff projiziert und zeigt Szenen aus dem himmlischen Paradies vor dem Sündenfall. Tropische Naturszenerien bilden den Hintergrund für surreale Traumbilder, die von zwei Frauen, menschlicher Haut und üppiger Natur erzählen.
Rist projiziert ihre Videos nicht nur auf Gewölbe, sondern auch auf Böden, Decken, Möbel und Vorhänge und schafft so ganzheitliche Environments, in denen die Besucherinnen und Besucher Teil der Installation werden.
Im Jahr 2017 bespielte Rist den Times Square in New York mit ihrem Werk Open My Glade. Das Werk war jeden Tag um 23:57 Uhr auf 60 Bildschirmen zu sehen. Es zeigt die Künstlerin selbst, die ihre Nase, Hände und Mund gegen die überdimensionalen Glasscheiben zu drücken scheint. Mit verzerrten Gesichtszügen und verschmierter Schminke thematisiert Rist die mit einem überholten Frauenbild verbundene Erwartungshaltung der Medien und konkurriert mit ihren Bildern mit dem digitalen Werbegewitter auf dem Times Square.
Die Arbeit I Couldn’t Agree With You More (1999), die 2001 von der Walter A. Bechtler-Stiftung erworben wurde, zeigt die Künstlerin in einem Einkaufszentrum und in einer Wohnung. Während sie ihr Gesicht durch die Welt schreitend filmt, sind Aufnahmen von nackten Figuren, sich vor dem Autoscheinwerfer versteckend, in einer grünen, dunstigen Waldlandschaft auf ihrer Stirn zu sehen. Rist setzt dem Konsum und der kapitalistischen Warenwelt die unbewussten Triebe und Bedürfnisse der Menschen entgegen und spielt einen Idealzustand an, in dem die Welt mit der Natur im Einklang und frei von Konventionen gewesen sein soll. Das Werk ist sozusagen ein Selfie “avant la lettre”, in dem der innere Film im Kontrast zur äusseren Realität steht. Die Künstlerin thematisiert auch die widersprüchliche Entwicklung, dass sich Menschen, je näher sie in städtischen Ballungsräumen zusammenleben sich wie «scheue Rehe» zueinander verhalten.

Text: Anaïs von Holleben-Peiser
BILDER: Pipilotti Rist, I Couldn’t Agree With You More, 1999
Filmstills / Aussenansicht Videoraum Bechtler Stiftung, 2022
Die Künstlerin dankt: Käthe Walser, auviso, Antshi von Moos, Victoria Holdt, Tamara Rist, Dave Lang, Nike Dreyer, Remo Weber, Dino Azzinnari, Philipp Suter, Silvana Ceschi, Olivia Oeschger, Tom Rist, Anders Guggisberg (Sound)
Looplänge: 10 Min.

Besuch der Ausstellung von Lutz & Guggisberg „Schollen aus der Vogelschau“ im Museum der Bechtler Stiftung in Uster ZH. «Schollen aus der Vogelschau» betitelt das Zürcher Künstlerkollektiv Lutz & Guggisberg seine neue Multimediainstallation, die in der Bechtler Stiftung präsentiert wird.
Andres Lutz und Anders Guggisberg bedienen sich bei der Produktion dieser hybriden Miniaturlandschaften aus einem grossen Fundus von ausrangierten und übriggebliebenen Alltagsgegenständen. Hinzu kommen Materialien aus dem Baumarkt und eine mehrteilige Videoarbeit, die über in die Installation integrierte Screens flimmert. Ausserdem ist eine musikalische Komposition zu hören, welche Industrie- und Naturgeräusche sowie neo-minimalistische Klavierklänge zu einem Klangteppich verwebt, auf welchem die Tische stehen.
Im Atelier der beiden Künstler fügt sich alles in einem Prozess der Umcodierung zu neuen Konstellationen, Formen und Erzählungen zusammen. Wie der Ausstellungstitel andeutet, geht es unter anderem um die verschiedenen Arten und Weisen der Betrachtung. Denn die modellhaften Situationen, die das Künstlerduo im Ausstellungsraum zur Aufführung bringt, fordern Bewegung, Vorstellungskraft und Abstraktionsvermögen vom Publikum. Wie aus einer Vogelperspektive schauen die Besucher:innen auf die Landschaften hinab, während sie zwischen den Displaytischen in Kniehöhe herumspazieren. Um die «Schwebeheime», fliegende Bungalow-Modelle, zu betrachten, müssen sie hingegen ihren Kopf in den Nacken legen.
Mit der Modellästhetik zitieren die Künstler ein Format, etwa aus dem Architekturbereich, das auf halber Strecke zwischen Idee und Realisierung liegt. So wird spielerisch ein unfertiger, für Veränderungen noch offener Zustand gegen eine Idee des Fer-tigen, Fixierten und Abgeschlossenen in Anschlag gebracht.
Anders gesagt: Konträr zu Geschlossenheit und Kühle des vermeintlich Genialischen setzen Lutz & Guggisberg eine fröhliche und poetische Ästhetik des Dilettantismus, akribisch und mit Hingabe produziert. «Serendipität» bezeichnet das zufällige Finden von Lösungen für Probleme, nach denen ursprünglich gar nicht gesucht wurde. Sie erfordert Experimentierfreude, Sensibilität und Offenheit für überraschende Konstellationen. Diese Denk- und Handlungsform gehört zu den untergründigen Prinzipien der künstlerischen Produktion von Lutz & Guggisberg. Die Künstler machen Unberechenbarkeit und Zufall bewusst zum Teil ihrer Praxis.
Wie lässt sich eine Landschaft zum Protagonisten eines Abenteuers machen, in dem Menschen nur eine Rolle neben anderen Elementen spielen? Diese Frage beschäftigte die Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing in ihrem Buch «Der Pilz am Ende der Welt». In den Modelllandschaften und Schwebeheimen von Lutz & Guggisberg werden die Bäume und Sträucher von unscheinbaren Flechten dargestellt. Diese bringen eine zusätzliche Bedeutungsebene ins Bild. Denn Flechten bestehen aus einem Verbund von Pilz und Alge, bilden gemeinsam einen neuen Organismus und können so mehrere hundert Jahre alt werden. In Graubünden dienen sie seit jeher als Material, um in den alten Bauernhäusern Fugen und Ritzen abzudichten. Und sie sind auch bei vielen Vögeln für den Nestbau beliebt, was der «Vogelschau» im Ausstellungstitel einen schönen semiotischen Drall verleiht.