Aktuelles / Notizen

06.01.2026

Dirk Baier - Radikalismus & Extremismus


Vortrag bei der Seniorenuniversität Schaffhausen

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Für einmal ging es bei der Seniorenuniversität Schaffhausen extrem und radikal zu und her! Themen waren nämlich Radikalisierung und Extremismus mit dem versierten und kompetenten Kriminologieprofessor Dr. Dirk Baier. Unter dem Titel "Radikalisierung und Extremismus – Phänomene, Ursachen, Prävention" zog der Referent die fast 300 Zuhörenden in seinen Bann.

Was passiert, wenn ein Mensch radikalisiert wird? 
Warum passiert das genau? 
Wie geht man damit um, wenn sich plötzlich Sechstklässler gegenseitig Hakenkreuze ins Schulheft kritzeln?
Wie steht es eigentlich um den Extremismus in der Schweiz? 
Was geht da eigentlich genau ab, wenn sich europäische Jugendliche aus bürgerlichem Elternhaus plötzlich islamistischen Radikalisten anschliessen? Insbesondere für Eltern aber auch für Geschwister muss es traumatisch sein, wenn ihr eigenes Kind oder der eigene Bruder in den terroristischen Radikalismus abdriftet.  

Darüber weiss Prof. Dr. Dirk Baier sehr viel und beschäftigt sich sozusagen täglich mit diesen Fragestellungen. 

Geboren und aufgewachsen ist Dirk Baier in der Nähe von Chemnitz (früher Karl-Marx-Stadt, d.h. in der DDR). 1989 hat er dann die «Wende» und danach die Deutsch-Deutsche-Wiedervereinigung erlebt – wie er selber sagt, sei dies das Beste, was ihm (mit Ausnahme der Geburt seiner Tochter) je passiert ist. Er hat in Chemnitz Soziologie studiert und war danach 10 Jahre am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen in Hannover. 2015 ist er dann in die Schweiz gekommen und hat hier die Leitung des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der ZHAW übernommen; und ist seit 2023 zudem Professor für Kriminologie an der Universität Zürich. Er arbeitet zu den Themen Gewalt, Jugendkriminalität und Extremismus. Hobbys erlaubt seine Arbeit derzeit nicht; denn seine Leidenschaft ist die kriminologische Forschung. Er engagiert sich aber bei verschiedenen Vereinen wie z.B. NCBI – die sich für Integration von Migrant:innen einsetzen; Mojuga – die Sozialarbeit für Jugendliche macht oder  SIFG – die Wissensvermittlung v.a. über Tagungen umsetzt. 

Wichtig war dem Referenten eine klare Begrifflichkeit. Merkmale sind ein Vorgehen gegen die Demokratie und dabei Gewaltbereitschaft zu zeigen. Als „extremistisch“ ist die Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaates (seiner Grundwerte und Prinzipien) sowie die Bereitschaft, diesen unter Anwendung von Gewalt zu überwinden, zu verstehen. Jeder Extremismus hat eine spezifische Vorstellung der alternativen politischen Ordnung, die an Stelle der Demokratie treten soll. Dabei gibt es aber auch einen Unterschied zwischen  Extremismus und Radikalität: „Während Extremisten Gewalt zur Veränderung der Gesellschaft einsetzen, tun Radikale das nicht unbedingt, obwohl auch ihr Ziel die Umwälzung der herrschenden Verhältnisse ist“.

Er spricht von sogenannten "Brückennarrativen", die den Extremismus begleiten. Dies sind zum Beispiel Antisemitismus, Verschwörungsdenken, Homophobie, Misogynie, Männlichkeitsnormen, Schwarz-Weiss-Denken…
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Dies sind Merkmale der verschiedenen Extremismusformen

Rechtsextremismus
Etablierung eines völkisch homogenen, autoritär geführten Staates; Abschaffung jeglichen Pluralismus (Bevölkerungsgruppen, Meinungen…); Radikale Ungleichheit zwischen Bevölkerungsgruppen, die Ausdruck in verschiedenen Feindlichkeiten findet 

Linksextremismus
Abschaffung jeglicher staatlicher Ordnung, Etablierung des Kommunismus/Anarchismus; Radikale Gleichheit, weshalb Feindschaft gegenüber dem bedeutsamsten Ungleichheitsproduzent – die kapitalistische Wirtschaft – besteht

Islamismus/Islamistischer Extremismus
Einführung Gottesstaat und Sharia; fundamentale Auslegung des Islam – liberalere sowie grundsätzlich andere religiöse Auslegungen/Gruppierungen werden zu Feinden erklärt

Radikalisierung wird als Prozess definiert, der dazu führt, dass Individuen Gewalt einsetzen (u.a. um extremistische Ideen durchzusetzen).

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Mit eindrücklichen Zahlen zeigte Dirk Baier auf, dass in der Schweiz der Linksextremismus viel mehr verbreitet ist als Rechtsextremismus. 

Dazu gibt es die Statistik des Nachrichtendienst des Bundes. Grundsätzlich werden dabei Ereignisse aufgenommen, bei denen ein eindeutiger Bezug zur gewalttätigen Extremistenszene (links und rechts) gegeben ist. Zudem können nur Ereignisse aufgenommen werden, die dem NDB überhaupt zur Kenntnis gelangen. Als Ereignisse ohne Gewaltbezug gelten solche, bei denen zwar der Bezug zur gewalttätigen Szene gegeben ist, bei denen es aber nicht zu Gewalttaten kam. Konkret zählen hierzu beispielsweise Demonstrationen, für die bekannte gewalttätige Gruppen mobilisiert haben, sowie etwa Transparentaktionen, Gedenkanlässe oder Konzerte. Bezüglich der gewalttätigen Ereignisse werden sowohl Ereignisse mit physischer Gewalt als auch Sachbeschädigungen aufgenommen. Schmierereien sind davon jedoch ausgeschlossen.

Gefährdet für eine extremistimistische Einstellung ist vor allem die männliche Jugend. Immer spielt dabei das Bedürfnis nach Bedeutsamkeit eine grosse Rolle. Die verschiedenen Radikalisierungsmodelle in der Forschung zeigen deutlich, dass der Verlust an Bedeutsamkeit eine verheerende Wirkung haben kann. Negative Einstellungen gegenüber Minderheiten steigen vor allem bei jüngeren Befragten. Sowohl bei der Ausländerfeindlichkeit als auch bei der Homophobie sind stärkere Zustimmungsanstiege bei männlichen als bei weiblichen Jugendlichen festzustellen. Für Befragte, die Mitglied in einem Verein oder einer Organisation sind, zeigen sich geringere Anstiege als bei Nicht-Mitgliedern.

Dirk Baier bot auch einen Überblick auf erfolgreiche Präventionsmodelle, die evidenzbasiert Erfolg bringen in der Vorbeugung gegen Radikalismus und Extremismus. Empathie und Resilienz sind dabei Schlüsselfaktoren, die den labilen und gefährdeten Menschen Halt und Stabilität geben. Diese lassen sich trainieren. Dabei komme gerade auch der Schule eine entscheidende Bedeutung zu oder auch Vorbildern in den Familien und Vereinen. Mentorinnen und Mentoren im Umfeld der Jungen wirken positiv.

Denkbar ist bspw., dass die verschiedenen nachpandemischen Krisen und Unsicherheiten (kriegerische Auseinandersetzungen, Klimathematik, Inflation usw.) dazu geführt haben, dass sich junge Menschen wieder verstärkt an Weltbildern orientieren, die eine Aufwertung der Eigengruppe und eine Abwertung von Fremdgruppen beinhalten. Möglicherweise spiegeln sich im Anstieg dieser Einstellungen aber auch politische Diskurse der letzten Monate, in denen Intoleranz gegenüber gesellschaftlichen Minderheiten zum Ausdruck kommt (Stichwort z.B. «Anti-Wokeness»). Auch ökonomische Veränderungen, die Zunahme von Armut und Ungleichheit, verbunden mit Deprivations- und Bedrohungsängsten, könnten bedeutsam für die festgestellten Entwicklungen sein. (Baier/Hadjar 2024)

- Extremismus gerade im Jugendalter ist ein zunehmendes Problem (insb. bei jüngeren Jugendlichen); die «traditionellen» Extremismusformen (links, rechts, islamistisch) sind dabei weiterhin präsent, wenngleich sich konkrete Thematiken ändern (Islamismus: Gaza-Konflikt; Rechtsextremismus: Ethnopluralismus, Re-Migration)
- Prävention Online, aber auch Offline ist notwendiger denn je
- Einfache Erklärungen für extremistische Radikalisierung gibt es nicht; der Prozess ist multifaktoriell bedingt
- Akute Gefahr für Leib und Leben geht derzeit (weiterhin) am ehesten vom Islamistischen Extremismus aus; dieser vermag es aber nicht, die Demokratische Ordnung der Schweiz zu destabilisieren. Diesbezüglich ist der Rechtsextremismus derzeit gefährlicher: Zwar ist ein Putsch o.ä. (Heinrich XIII.) nicht zu erwarten; autoritäres, fremdenfeindliches, antiplurales … Denken greift aber in der Mitte der Gesellschaft weiter um sich; in anderen Ländern hat dies bereits zur Ablösung der demokratischen Ordnung durch ein autoritäres System geführt (Ungarn, Russland, USA?). Wehret den Anfängen!

Ein erfolgversprechendes Modell als Alternative ist auch die gezielte Anwendung von Gegen-Narriative.
Dabei werden alternative, positive Botschaften in den Blick genommen und vermitteln somit «für» anstatt «gegen». Sie beinhalten positive Botschaften über das Zusammenleben von Personen mit unterschiedlichen Kulturen, Glaubensrichtungen, und Hautfarben. Sie zeigen Toleranz und Offenheit gegenüber vermeintlich «Anderen» Demokratie und den Rechtsstaat (Beispiel Swissmuslimstories).

Gegennarrative gehen extremistische Botschaften direkt an, indem sie sie dekonstruieren, de-mystifizieren und diskreditieren diese. Dies geschieht meist in Form von ideologischen oder theologischen Argumenten und/oder Humor (Beispiel Knowislam).

Laut der Meinung von Dirk Baier gelten in der Schule als wichtigen Präventionsort folgende Gelingensbedingungen:

1.Anti-Gewalt-/Anti-Rassismus-Schulkultur/Haltung etablieren – auf allen Ebenen und im Netzwerk (inkl. Polizei, Schulsozialarbeit, offene Jugendarbeit, religiöse Gemeinden, Extremismusfachstellen usw.); Eltern einbeziehen
2.Demokratie- und Wertebildung im Unterricht verankern; Themen wie Menschenrechte, Toleranz, Pluralismus und Demokratieverständnis im Lehrplan integrieren; offene Diskussionen dazu führen
3.Medienkompetenz vermitteln
4.Erarbeitung eines Case Managements: wie soll auf Verdachtsfälle reagieren werden, welche Stellen sind beratend oder intervenierend hinzuzuziehen
5.Gerechte, gleiche, zugewandte … Behandlung der Schülerinnen und Schüler.
6.Fortbildung der Lehrkräfte verankern
7.Nicht allein Fokus auf Vermeidung von Problemen, sondern auf Förderung des Positiven: Lust auf Leben wecken.
8.Stigmatisierungen vermeiden

Wir alle können gezielt unseren eigenen Beitrag leisten in Familien, Vereinen und Gesellschaft, um gemeinsam gegen Extremismus vorzubeugen.

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Und hier findet sich der Artikel zum Referat von Gudrun Trautmann in den Schaffhauser Nachrichten vom 6. Januar 2026:

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Professor Dirk Baier referierte vor der Schaffhauser Senioren-Uni über Phänomene, Ursachen und Prävention. Der Kriminologe von der Uni Zürich gab Einblicke in die angewandte Wissenschaft.
Mit zehn oder fünfzehn Zuhörern hatte Dirk Baier, Professor für Kriminologie an der Universität Zürich, gerechnet. Doch zum Jahresauftakt war der Hörsaal der Senioren-Uni im Pavillon im Park bis auf den letzten Platz besetzt. Auf der Tagesordnung stand ein Thema, das an Aktualität kaum zu überbieten ist: «Radikalisierung und Extremismus – Phänomene, Ursachen und Prävention».

Bevor man allerdings in den Vortrag einsteigen konnte, rief der ehemalige Regierungsrat Christian Amsler die Anwesenden zu einer Schweigeminute für die Opfer der Brandkatastrophe von Crans-Montana auf. Nicht, dass dieses Unglück im Kontext der Vorlesung stünde; aber das unsägliche Leid, das in der Silvesternacht über die Menschen in dem Ferienort gekommen ist, hält die gesamte Schweiz weiterhin im Bann. 
Was lässt Menschen sich radikalisieren?

Während sich die Welt wundert, dass so ein Unglück in der Schweiz überhaupt möglich ist, beschäftigt sich Dirk Baier mit der Frage der Destabilisierung des Staatssystems. Er untersucht, warum sich bestimmte Gesellschaftsschichten radikalisieren. Eigentlich komme er von der kriminalistischen Forschung, erklärte der in Chemnitz im Osten Deutschlands aufgewachsene Wissenschaftler. «Weil aber die Gesellschaft immer friedlicher wird, gehen uns die Themen flöten», sagte er schmunzelnd.
Zehn Jahre hat er als Soziologe in Hannover die Szene beobachtet, bevor er 2015 an die Universität Zürich wechselte. Er hat also einen direkten Vergleich, was Radikalisierung und Extremismus beider Länder angeht. Auch wenn es laut Kriminalstatistik des Nachrichtendienstes des Bundes in der Schweiz zum Beispiel im rechtsextremen Spektrum wesentlich gewaltfreier zugehe als im Nachbarland, so gibt sich Baier skeptisch. Er empfiehlt, weitere Statistiken wie die «Chronologie Rassismus in der Schweiz» zu konsultieren. Dort seien auch verbale Attacken vermerkt, wodurch sich die Zahl der Übergriffe deutlich erhöhe. 
In seiner 20-jährigen Forschung hat Baier mit seinem Institut 12’000 Jugendliche in Schweizer Schulen befragt. Herausgekommen ist ein signifikanter Anstieg an Feindlichkeit und Geringschätzung unter 15- bis 20-Jährigen in den vergangenen vier Jahren. «Da braut sich was zusammen», warnte Baier und verwies neben anderen Beispielen auf einen 15-jährigen Schaffhauser, der einen islamischen Anschlag mitgeplant hatte. Vor allem männliche Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren am Rand der Gesellschaft radikalisierten sich.
Ab wann handelt es sich um Extremismus? Für Dirk Baier müssen zwei Merkmale zusammenkommen: «Die Bewegung oder Gruppe will die Demokratie abschaffen und verfolgt dieses Ziel mit Gewalt.» Auch Staatsverweigerer (eher ab 40 Jahren) seien gegen die Demokratie, allerdings gewaltfrei. Baier zählt sie deshalb nicht zu den Extremisten.
 
Auch die teilweise gewaltbereite Klima-Jugend sei nicht extremistisch, weil sie die Demokratie nicht abschaffen will. Studien zeigten, dass die Situation zwischen Rechts-, Linksextremismus und Islamismus von Jahr zu Jahr unübersichtlicher werde. Wut und Hass wie Homophobie, Frauenfeindlichkeit, Antisemitismus komme in allen Formen des Extremismus vor. Verschwörungstheorien schürten Emotionen.
Fast immer lägen die Ursachen für eine Radikalisierung in der Biografie. «Der Verlust des Partners, der Arbeit oder der Perspektive kann ein Trigger sein», erklärte Dirk Baier. «Links- wie rechtsextreme Netzwerke bieten dann eine soziale Heimat. Die Hälfte der Jugendlichen, die sich radikalisiert haben, finden hier Anschluss.» 

So kann man Extremismus vorbeugen
Doch was kann die Schweiz dagegen tun? Der Soziologe Dirk Baier empfiehlt Empathie. Das sei einer der wichtigsten Schutzfaktoren. Er selbst habe in seiner Kindheit unter einem prügelnden Vater gelitten. Zwei Fussballtrainer und Lehrerinnen, die an ihn glaubten, hätten ihn gestärkt.
«Wir können tolle Menschen für andere Menschen sein», ermunterte er die Zuhörerinnen und Zuhörer. Als zentralen Ort der Prävention sieht er die Schulen. Dort könne das Positive im Menschen gefördert werden. «Schulen sollen Lust auf Leben machen», sagte er.
Wichtig sei es, fundamentale soziale Kompetenzen zu stärken. Dazu gehöre auch die allgemeine Sensibilisierung für radikale Symbole. In der Schweiz gebe es bereits Präventionsprogramme wie «Denk-Wege» oder «Swissmuslimstories», die mit Mythen und Verschwörungstheorien aufräumen. Als wenig zielführend hätten sich Berichte von ehemaligen Extremisten erwiesen. Sie könnten Neugier wecken.

(Quelle Schaffhauser Nachrichten, abgefragt am 6. Januar 2026)